Deine Argumentation ist gut aber meine Meinung ist besser (2)

Veröffentlicht von Denis Domínguez am

Deine Argumentation ist gut aber meine Meinung ist besser

… Irgendwie kam mir alles so familiär vor. So vertraut. Aber ich wusste nicht eindeutig was.

Bis etwas passierte, was ich in meiner stillen Anonymität vermutet hatte. Alles fing mit dem Abschied eines aktiven Mitgliedes an. Aus – für mich unverständlichen Gründen – verließ die Person mit folgendem Satz unsere Truppe: »Wie ich sehe… haben wir unterschiedliche Überzeugungen… ich gehe meinen Weg…« oder so etwas in der Richtung. Aber auf jeden Fall war der Teilnehmer weg! Und diese Person war nicht die Einzige. Ein rasches Wechseln fand statt. Chaos brach aus. Danach folgten weitere. Innerhalb von wenigen Tagen kamen Mitglieder freiwillig zu uns; andere wurden ungewollt wegen ihrer Inaktivität entfernt. Am Ende waren wir nicht mehr viele. Tage später kam die Nachricht, dass die Gruppe geschlossen werden sollte. Eine Aktion, die Stunden später geschah. Ernüchtert erhielt ich die Bestätigung »… hat dich entfernt. Du kannst dieser Gruppe keiner Nachrichten senden, da du kein Teilnehmer mehr bist«.

Dann war mir plötzlich alles glasklar. Die Offenbarung der Quelle dieses familiären Gefühls, traf mich wie ein Blitz. Es war die ganze Zeit da. Doch wegen dieser traumatischen Ablehnung in meiner Vergangenheit, wollte ich es weder sehen noch wahrnehmen: »Deine Argumentation ist gut, aber meine Meinung ist besser.« Dieses Gedankengut, das alles Fremde auslöscht, das Unbekannte ausgrenzt  oder in seiner täuschenden, offenen Toleranz alles verschlingt, was mit ihm nicht kompatibel ist. Genauso, wie ich es in meiner Heimat jahrelang von den Kommunisten gelernt hatte:

 

»WIR BRAUCHEN SIE NICHT!«, wiederholte damals der mächtigste Mann auf meiner Insel immer wieder im Fernsehen:

»Quien no tenga genes revolucionarios, quien no tenga sangre revolucionaria, quien no tenga una mente que se adapte a la idea de una Revolución, quien no tenga un corazón que se adapte al esfuerzo y al heroísmo de una REVOLUCIÓN no los queremos, no los necesitamos«

Aplausos del pueblo / Fidel Castro Ruz, discurso en la Plaza de la Revolución, Septiembre del 1980

»Wenn du keine revolutionären Gene hast, kein revolutionäres Blut besitzt, oder kein Gedankengut für die Idee einer Revolution aufweisen kannst; wenn du kein Herz hast, das sich an die heroischen Errungenschaften einer Revolution anpassen kann, dann WOLLEN wir dich nicht, wir BRAUCHEN dich nicht«

Beifall vom Volk / Eine Rede vom Fidel Castro Ruz auf  der »Plaza de la Revolución«, September 1980

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Und ich frage mich: Ist es nicht genau diese Diversität, die den Kern einer Gruppe ausmacht? Sollten sich nicht unsere Gedanken mit denen anderer Menschen verschmelzen, damit wir geistig reicher werden?

 

Einigkeit / Zusammenhalt

Was ist passiert? Eine energische WhatsApp-Gruppe voller motivierter Menschen hat sich selbst innerhalb von ein paar Tagen zunichte gemacht. Das kann nicht wahr sein. »Wir haben innerhalb weniger Tage unser Ziel aus den Augen – und die Mitglieder aus der Gruppe – verloren«, dachte ich wütend. Wurden wir durch unsere Motivation und den bedingungslosen Selbstantrieb blind für die Bedürfnisse der anderen?

Vielleicht versetzte uns dieser starke Wille in einen Rauschzustand, der unsere Sinne betäubte und das Umdenken nicht mehr zuließ? Oder lag es an mir, weil ich die Gruppe nicht früh genug von der Gefahr warnte, sich in eine digitale Mini-Sekte zu verwandeln. Aber wer will sich einer motivierten Person in den Weg stellen, wenn diese genug Momentum aufgenommen hat?

Ich bestimmt nicht.

Wir kritisieren Politiker wie Donald Trump, Vladimir Putin oder Angela Merkel. Verbreiten überall mit revolutionären und lauten Parolen im Netz, dass diese eingebildeten Staatslenker nicht in der Lage wären, die Bedürfnisse ihrer Völker zu befriedigen. In Nationen mit Millionen von Einwohnern, die verschiedene Religionen ausüben und von unterschiedlichen Weltanschauungen geprägt sind. Wir ALLE geben gerne Ratschläge, wie wir es besser machen würden, an dem Tag, an dem wir ihr politisches Amt übernehmen; sind aber selbst nicht in der Lage, eine WhatsApp-Gruppe von 15 Teilnehmer über vier Wochen aufrecht zu halten.

Politiker? Kannst du es besser

Und so bleibe ich wieder mit meinen kopfzerbrechenden Zweifeln zurück, ob sich das alles überhaupt lohnt. Das frühe Aufstehen. Meine ständigen Weiterbildungen. Die Vermeidung in die Fußstapfen meines Vaters zu treten, durch meine freiwillige Entfernung von dem verführerischen Konsum alkoholischer Getränke. Das kreative Schreiben in meinem Blog als Ergänzung dieser Selbsttherapie, die ich nach seinem Tod angefangen habe. Oder mein Streben bald die Weltherrschaft an mich zu reißen – damit alles besser wird. Alle Kriege enden und alle Menschen – verdammt noch mal – endlich besser miteinander in Frieden leben können.

Doch wer gibt mir das Recht, zu denken, dass ICH es besser machen kann?
Was gibt mir die Kraft, zu glauben, dass ich das Leiden dieser Welt für eine gewisse Zeit mit meiner Eroberung beenden kann?

 

 


1 Kommentar

Deine Argumentation ist gut aber meine Meinung ist besser | Ein Kubaner In Bayern · Sa 18. August 2018 um 10:33

[…] Deine Argumentation ist gut aber meine Meinung ist besser (2) | Ein Kubaner In Bayern · Do 10. Mai 2018 um 8:41 […]

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