Der Feind, der niemals kam.

Veröffentlicht von Denis Domínguez am

Heute bin ich gegen 9:00 Uhr mit Hunger in die Arbeit gefahren. Ja, du hast richtig gelesen… 9:00 Uhr. Gut erkannt, ich bin ein fauler Sack… und ich stehe dazu! Ha, ha, ha.

So, wo waren wir? Ah, genau… Arbeit und Hunger. Das ist aber nichts Schlimmes, denn oft frühstücke ich im Büro vor meinem PC, während ich meine Aufgaben erledige.

Ich weiß,… ich weiß, das soll sehr ungesund sein, aber das ist mir egal und außerdem macht es verdammt viel Spaß bei Emails lesen, sich den Bauch vollzuschlagen. Oh, Mann… jetzt bin ich wieder vom Thema abgekommen… aaah, ok, da bin ich wieder… und obwohl ich viel Hunger hatte und bald etwas essen wollte, wurde ich von der Arbeit so überwältigt, dass ich das Essen für ein paar Stunden vergaß.

Die Warnung

Um knapp 11:30 Uhr meldete sich mein knurrender Magen erneut. Diesmal stärker. Das Geräusch hatte ein wieder erkennbares Zeichen, welches mir entfernte Erinnerungen aus der Kindheit brachte: »Der Feind steht vor der Tür. Du bist kein Feigling und musst standhaft bleiben«. Wie ein Trauma, das ständig im Hinterkopf lauert und auf eine günstige Gelegenheit wartet, um sich wieder zu etablieren. Das könnte die exakte psychologische Erklärung sein, warum ich manchmal zu einer unerträglichen Diva werde, wenn ich nicht gleich etwas zu essen bekomme. 😉

ACHTUNG: ICH ERZÄHLE VIELES IN DER GEGENWART, DENN FÜR MICH HAT SICH AN DER BEZIEHUNG ZWISCHEN KUBA UND DER U.S.A. BIS HEUTE NICHTS GEÄNDERT!

Die Offenbarung

In diesem Moment erinnerte ich mich wieder daran, damals als Kind, das Gefühl von Hunger unterdrücken zu müssen. Denn für uns Kubaner ist Hunger zu haben ein Zeichen von Schwäche. Wie meine ich das genau? Um diese kurze Frage zu beantworten, muss ich eine lange Geschichte ebenfalls abkürzen und gaaaaaaaaaaanz von vorne anfangen.

Alles begann mit diesem ewigen, kalten Krieg. Ein Krieg, zwischen Kuba und der USA, der seit den Fünfziger Jahren geführt und immer wieder aufs Neue belebt wird. Wie ein Magengeschwür, dessen Größe durch Missverhältnisse von aggressiven Faktoren wächst und immer unangenehmer wird.  Als die politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern zusammenbrachen, versprachen sich beide Nationen einen ewigen Hass. Darauf nahm die Regierung von Kuba, Maßnahmen, um sich von dem „feindlichen imperialistischen“ Koloss aus dem Norden zu schützen. Dieser Schutz war nicht nur physisch mit dem Bau von Hunderten von Bunkern landesweit und die Erhöhung ihrer militärischen Macht mit der Unterstützung der Sowjetunion, sondern auch mental auf die Vorbereitung eines Angriffs aus dem Norden. Und so fing das Martyrium an.

Obwohl Kuba mehrere Krisen überstanden hat, waren diese nie leicht für die kubanische Bevölkerung. Oft gab es nicht viel zu essen. Zwar mit Angst auf Repressalien haben wir uns trotzdem auf den Straßen geäußert und gesagt: »Coñóóóóóóó, que haaaaaambre tengo« (Ich habe ziemlich viel Hunger). Diese Reaktion war nicht erwünscht und wurde regelmäßig von den Beauftragten der Regierung (diese sind überall, und könnten sogar die Mitglieder deiner eigenen Familie sein) in Frage gestellt. Mit der Versuchung diesen Hilfeschrei zu unterbinden. Und dafür haben sie einen einfachen Trick angewendet. Sie haben deine INTEGRITÄT in Frage und deine ANGST auf die Probe gestellt. Indem sie dir folgende Hausaufgabe zum Nachdenken gestellt haben: »Falls der Feind aus dem Norden (damit sind die Amis gemeint) uns angreifen und wir in die Bunker fliehen müssen. Wie lange glaubst du, dass du mit dieser Einstellung überleben wirst?»

Als Leser kannst du dir die Antwort bestimmt schon ausmalen:
» Keine einzige Woche! Du musst lernen deinen Hunger zu unterdrücken, um unsere Feinde zu zeigen, dass du stärker als sie bist! «

Jetzt kannst du dir vorstellen, unter welchem Druck ein 8- jähriges Kind steht, das seine Heimat verteidigen will, sich bei seiner Familie beliebt machen möchte und außerdem ALLEN beweisen will, dass er kein Feigling ist.

Fazit

Viele Jahre sind vergangen. 20 Frühlinge, um genau zu sein. Ich bin kein Kind mehr. Ich habe geheiratet, meine schöne Insel in der Karibik verlassen, und selbst Kinder bekommen, zwei wunderbare Töchter im wunderschönen Bayern. Die Bunker sind geblieben, wie die Angst in den Herzen der Kubaner. Aber der versprochene Feind kam nie.

Es ist erstaunlich, wie diese Kommunisten mit so wenigen Ressourcen es immer wieder schaffen, so viele Menschen (damit meine ich Kubaner, sowohl auch jeder andere der glaubt, dass Kuba ein Paradies ist) mental zu unterdrücken. Es geht nicht darum, ob ich durch die Kontrolle meines Hungers an Stärke gewinne, sondern, dass ich mir während ich auf der Insel gelebt habe, mir nie solche Fragen gestellt habe:

  1. Warum muss ich auf so einer reichen Insel namens Kuba an Hunger leiden?
  2. Wer kann mir versichern, dass die Amis tatsächlich die gesamte Schuld tragen?
  3. Wer hat der Regierung die Kontrolle meines Lebens übertragen?

Kategorien: Menschen

1 Kommentar

Der Feind, der niemals kam. • Ein Kubaner In Bayern · So 2. Juni 2019 um 11:21

[…] Der Feind, der niemals kam. […]

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